Tour de France – Zwischen Urlaubsstimmung und Wettkampffieber
Seit 1903 sorgt das anspruchsvollste Radrennen der Welt in Frankreich für Herzklopfen und Adrenalinstöße bei Zuschauern und Rennfahrern gleichermaßen. Dabei wurde der Mythos der Tour de France schon in ihren Anfangsjahren begründet, als nicht nur die Rennfahrer aktiver Teil des Rennens waren, sondern auch das Publikum. So versuchten zum Beispiel 1904 einfallsreiche Franzosen ihren Rennfavoriten Schützenhilfe zu leisten, indem sie ihren Mitstreitern Juckpulver ins Trikot, Schlafmittel ins Essen und Abführmittel ins Getränk mischten. Da das französische Team jedoch etappenweise die Bahn anstatt das Rad als Fortbewegungsmittel nutzte, gewann schließlich doch der unter Schlafmitteleinfluss stehende Henri Cornet.
Bis heute fiebern Radsportfans aus aller Welt beim härtesten Rad-Event des Jahres mit und verbinden die Reise nach Frankreich mit einem Urlaub entlang der Etappenziele. Besonderen Reiz üben dabei die vier `heiligen Berge´ der Tour aus. Dazu gehören der 2.114 Meter hohe Pyrenäengipfel des Col du Tourmalets, der 2.645 Höhenmeter messende Col du Galibier in den Alpen, der über 1.900 hohe Mont Ventoux in der Provence sowie die serpentinenreiche Auffahrt zum alpinen Wintersportort L’Alpe d’Huez.
So mieten viele Rennsportfans ein Ferienhaus nahe der Bergetappen, um auf den entscheidenden Metern zum Gipfel ihren Favoriten lautstark anfeuern zu können. Ist der Tourtross mit seiner caravane publicitaire, der Werbekarawane, und seinen Fanclubs wieder aus der Landschaft verschwunden, lohnt sich die Entdeckung der Tour-Kleinode der Region.
Ob mit dem Fahrrad oder zu Fuß, gerade entlang der Pyrenäenetappe lässt sich in der kleinen Schmiede des Bergdorfes Sainte Marie de Campan eine bedeutende Pilgerstätte für Tourfans entdecken. Denn hier schmiedete der Rennfahrer Eugène Christophe 1913 seine bei der Abfahrt vom Col de Tourmalet gebrochene Radgabel selbst wieder zusammen und wurde trotz des vierstündigen Zeitverlustes noch Siebter in der Gesamtwertung.
Weniger Zeit verlieren hingegen jene Radsportfans, die mit dem Wohnmobil der Tour-Karawane folgen. Da die Tour auch in abgelegenen Gemeinden Frankreichs dafür sorgt, dass Straßen neu asphaltiert, der dörfliche Campingplatz ausgebaut und eine gastronomische Grundversorgung eingerichtet wird, genießen Radsportfans mit dem Wohnmobil eine hervorragende Infrastruktur entlang der Tourstrecke.
Gerade in Städten und Ortschaften, die aufgrund ihrer Nähe zu den wichtigen Bergpässen oft Etappenziele der Tour sind, hat sich daher im Verlauf der über 100-jährigen Tourgeschichte ein nachhaltiges Angebot an Unterkünften, Campingplätzen und Restaurants entwickelt. Dazu gehört neben der Weinmetropole Bordeaux, die schon 80 Mal Etappenziel war, auch die malerische Pyrenäenstadt Pau zu Füßen des Col d’Aubisque. Gerade im Pyrenäenvorland nutzen Event -Reisende die Nähe zu den Atlantikstränden Frankreichs und kombinieren ihre Reisen im Zeichen des Radsports mit einem Badeurlaub am Golf von Biscaya oder auch mit einer Wanderreise durch die Pyrenäen.
Radurlauber hingegen nehmen gerne am Jedermannrennen teil, welches als Amateur-Radrennen dem Hauptfeld der Tour de France folgt und damit die Gelegenheit bietet dieselben Schwierigkeitsgrade mit dem eigenen Bike zu durchfahren, wie die Profis. Als drittgrößtes Sport–Event der Welt begeistert die Tour de France mit ihrer bunten Werbeparade, ihren internationalen Fans und ihren sagenhaften Mythen auch Urlauber, die einfach einmal das Wettkampffieber im Radsport erleben möchten. Insbesondere an den Gebirgspässen des Col Du Tourmalet, Col du Télégraphe oder des Col de Vars ist der Zuschauerandrang groß. Denn hier entscheidet sich wer das rot gepunktete Bergtrikot erhält. Zudem übt das sich langsam den Berg hinaufkämpfende Hauptfeld eine ganz besondere Anziehungskraft auf die Fans aus. So dienen nicht selten Haltebuchten, Almwiesen und Parkplätze entlang der Passstraßen als Campingplatz fürs Wohnmobil. Und die Fankultur der Tour trägt hier mit Skulpturen, Kunstwerken und Straßenbemalungen teilweise kuriose Früchte. Im Gegensatz dazu erhalten aber auch Badeurlauber im Ferienhaus an der Côte d’Azur oftmals die Chance der Tour hautnah beizuwohnen und berühmte Rennstätten, wie zum Beispiel Toulon, zu besuchen. Denn gerade in der malerischen Hafenstadt ließen sich 1950 unter der Ägide des belgischen Sportlers Brik Schotte alle Rennfahrer zu einer kleinen Schwimmpause im Mittelmeer überreden. Dass beim erfrischenden Bad einer fehlte, merkte zunächst niemand. Denn der abtrünnige Abdelkader Zaaf lag unterdessen im Schatten eines Baumes und schlief seinen Rausch aus. Diesen hatte er sich jedoch nicht bewusst zugezogen, sondern wieder durch einen ideenreichen Fan der Konkurrenz, der ihm beim Vorbeifahren eine Trinkflasche mit Wein gegeben hatte, welche der durstige Algerier in einem Zug leerte. Nach dem kleinen Mittagsschlaf bemerkte Zaaf sein Unglück und radelte hurtig weiter, leider jedoch in die falsche Richtung.
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